MeshCore als Notfunk: Was im Stromausfall wirklich funktioniert
Ehrlich betrachtet: MeshCore ersetzt keinen bundesweiten Katastrophenfunk. Als lokales Netz für Nachbarschaft, Verein, Gemeinde oder Landkreis hat es sich im Stromausfall aber mehrfach bewährt — wenn du vorher die richtigen Dinge geklärt hast.
Kurz gesagt
MeshCore taugt als lokale Notfunk-Lösung. Nachbarschaft, Verein, Feuerwehr, Gemeinde, Landkreis: Das ist die Größenordnung, in der es im Stromausfall zuverlässig funktioniert. Was es nicht ist: ein bundesweites Netz mit Zustellgarantie. Über 7 bis 8 Hops kommen im Alltag nur 70 bis 80 % der Pakete an, Direktnachrichten über viele Hops sind unzuverlässig, und es gibt keine Instanz, die dir eine Zustellung bestätigt. Wer in der Krise von Hamburg nach München funken will, hat die falsche Erwartung. Wer wissen will, ob es der Familie drei Straßen weiter gut geht, hat das richtige Werkzeug.
Der Grund liegt in der Technik: 868 MHz ist lizenzfrei, die Nodes laufen an einem Akku, das Handy hängt per Bluetooth am Node, und kein Teil der Kette braucht Internet oder Mobilfunk. Genau das unterscheidet MeshCore von jedem Messenger. Was es von Meshtastic unterscheidet, steht in MeshCore vs. Meshtastic.
Was im Blackout weiterläuft, und was nicht
| Baustein | Im Stromausfall | Warum |
|---|---|---|
| Companion am Handy (Bluetooth) | läuft | Akku im Node, Akku im Handy, kein Internet nötig |
| Repeater mit Akku und Solar (nRF52) | läuft wochenlang | 1 bis 2 Wh pro Tag, 30 Tage ohne Sonne sind das Ziel |
| Repeater an Powerbank | läuft Stunden bis Tage | Vorsicht: viele Powerbanks schalten bei kleiner Last ab, Anti-Shutdown-Modul nötig |
| Repeater am Netzteil ohne Akku | fällt sofort aus | oft die Dach-Repeater mit der besten Reichweite |
| Room Server am Akku | läuft | speichert aber nur 32 Nachrichten |
| Internet-Karte, Analyzer, Observer | fällt aus | brauchen Internet und meist Netzstrom |
| Home-Assistant-Brücken, NINA-Warnungen im Channel | fallen aus | Brücke braucht Strom und Internet |
| Webflasher, Firmware-Updates | fällt aus | kein Browser, kein Download |
Die Laufzeiten ohne Nachladen hängen vom Board ab:
| Gerät | Rolle | Laufzeit ohne Nachladen |
|---|---|---|
| Xiao nRF52840, 3000 mAh | Repeater | ca. 6 Tage |
| Wio Tracker L1 Pro, 3000 mAh | Companion | ca. 7 Tage |
| Wio Tracker L1 Pro, 3000 mAh | Repeater | ca. 3 Wochen |
| SenseCAP T1000-E | Companion | ca. 2 Tage |
| Heltec V3 mit einer 18650-Zelle | Companion | ca. 1 Tag |
| Heltec V4, 3000 mAh | Repeater | 8 bis 20 Stunden |
Die Regel dahinter: nRF52-Boards brauchen im Leerlauf 9 bis 13 mA, ESP32-Boards das Zehnfache. Ein Heltec V4 zieht bis zu 80 mA im Leerlauf und über 1 A beim Senden. Für alles, was im Blackout durchhalten soll, gehört ein nRF52 hinein.
Ein Detail, das oft übersehen wird: Die Zeit. Fällt ein Repeater ohne Echtzeituhr aus und startet neu, läuft seine Uhr falsch, und er verwirft Adverts, die älter als seine Systemzeit sind. Eine DS3231-RTC für rund 2 Euro am I2C-Bus wird automatisch erkannt und löst das.
Belegte Fälle aus der Community
Dezember 2025, acht Stunden Stromausfall in einem Stadtviertel. Ein Mitglied war bei der Arbeit, die Familie zu Hause ohne Strom, Mobilfunk und Internet. Über MeshCore hielt es die ganze Zeit Kontakt. Der Node zu Hause lief am Akku, der Repeater dazwischen an Solar.
November 2025, Mecklenburg-Vorpommern. Ein Stromausfall nahm nach der Notstromreserve auch den Mobilfunkmast mit. Die MeshCore-Nodes der Region liefen weiter, weil keiner von ihnen am Mast hing.
Februar 2026, Region Stuttgart. Stromausfall über einen größeren Bereich, MeshCore lief weiter. Die Repeater am Akku waren die einzigen Stationen, die die ganze Zeit durchgehend erreichbar blieben.
März 2026, DARC-Notfunkübung. Amateurfunker haben MeshCore mit dem Kanal #emergency in eine Übung eingebunden. Der Nutzen: Menschen ohne Lizenz können mitmachen, die Funkamateure stellen die Verbindung zu ihren eigenen Systemen her.
August 2026, eine Rettungsleitstelle. Die Leitstelle baut mit ihrer Schnelleinsatzgruppe ein Notfunknetz über MeshCore auf. Das ist der Rahmen, in dem MeshCore am stärksten ist: eine überschaubare Fläche, eine feste Gruppe, vorher abgestimmte Standorte.
Was diese Fälle gemeinsam haben: Die Reichweite war lokal, die Gruppe kannte sich vorher, und die Nodes hingen nicht am Netz.
Das Gegenbeispiel: Erfurt, Dezember 2025
In Erfurt fielen im Dezember 2025 Repeater in der Kälte aus. Die genaue Ursache blieb offen, die Vermutung im Chat war die Kälte, also leere Akkus nach der Dunkelphase oder eine Ladeabschaltung unter 0 °C. Das Muster ist aus der Solar-Erfahrung der Community bekannt: Die längste gemessene Dunkelphase im Dezember lag bei 3,5 Wochen, im Harz lief ein Aufbau mit 5 W Panel und 4 Ah leer, der in Hamburg über den Winter kam. Der SenseCAP P1 Pro lädt nur zwischen 0 und 50 °C, LiPo-Zellen blähen bei Frost. Ein Repeater, der im Sommer drei Wochen ohne Sonne durchhält, ist im Dezember kein Selbstläufer. Notfunk findet aber oft genau dann statt, wenn es kalt und dunkel ist.
Die Regeln
Vorher testen
Ein Netz, das nur im Alltag funktioniert hat, ist nicht getestet. Zieh den Stecker aus dem Dach-Repeater und schau, welche Wege übrig bleiben. Nutze Trace Path aus der App, um zu sehen, über welche Repeater deine Nachricht läuft, und ob sie auch ohne den Netzstrom-Repeater ankommt. Ping funktioniert nur zu direkt hörbaren Nodes, Trace zeigt den ganzen Weg.
Akku und Kälte
- nRF52-Board statt ESP32, siehe Geräteübersicht.
- Für Repeater 18650- oder 26650-Zellen mit 1S-BMS, für Frost LiFePO4. Keine LiPo-Pouchzellen im Freien.
- Markenzellen von nkon.nl. Billig-18650 liefern 2000 statt 3500 mAh.
- Laden unter 0 °C ist bei C/20 unproblematisch, ein Aufbau mit 81 Wh und 5 W Panel lief so seit November 2025 mit 100 mA Ladestrombegrenzung durch.
- Companion regelmäßig laden. Ein T1000-E mit 2 Tagen Laufzeit ist im Stromausfall nur so viel wert wie sein Ladestand.
Solar-Repeater
Bewährt in Hamburg: nRF52 mit 5 W Panel und 4 Ah Akku, Panel senkrecht montiert. Senkrecht bleibt Schnee und Vogelkot ab und liefert im Winter mehr. Ein 1 W Panel braucht 10 bis 15 Ah, ein Heltec V4 braucht 10 W und vier 18650-Zellen, besser 35 W. Ziel für Notfunk: 30 Tage ohne Sonne. China-Panels liefern oft nur 40 bis 50 % der Nennleistung, Offgridtec, Pearl, Berrybase und Waveshare sind erprobt. Die komplette Bauanleitung steht unter Solar-Repeater bauen, die Standortfragen unter Repeater aufbauen.
Kanal und Scope vorher abstimmen
Im Notfall ist keine Zeit, einen Kanal zu suchen. Legt in eurer Gruppe vorher fest, welcher Kanal gilt, und richtet ihn auf allen Geräten ein. Für die DARC-Übung war das #emergency. Einen bundesweit vereinbarten Notfunk-Kanal gibt es nicht: Public hat die größte Reichweite, bei der DARC-Übung lief der MeshCore-Teil über #emergency, #sos wurde vorgeschlagen. Sprich in deiner lokalen Runde vorher ab, welcher Kanal und welcher Scope im Ernstfall gelten. Welche Kanäle in Deutschland etabliert sind, steht unter Kanäle in Deutschland.
Genauso wichtig ist der Scope. Ein lokaler Scope wie de-hh oder hansemesh sorgt dafür, dass deine Nachricht in deiner Region bleibt und nicht als Flood durch ganz Deutschland läuft. Im Notfall zählt jede Sekunde Airtime: Ein Repeater schafft 600 bis 700 Pakete pro Stunde, bei 1 % Auslastung gehen schon 5 bis 10 % der Pakete verloren. Der Default-Scope im Companion muss auf beiden Seiten gesetzt sein, sonst kommen Direktnachrichten nicht durch. Details unter Regionen und Scopes.
Kontaktliste pflegen
Direktnachrichten funktionieren nur, wenn beide Seiten den Kontakt des anderen gespeichert haben. Im Alltag passiert das nebenbei über Adverts. Im Notfall kannst du dich darauf nicht verlassen: Tauscht die Kontakte in eurer Gruppe vorher aus, sendet einmal manuell ein Advert und prüft, ob die Direktnachricht ankommt. Auto-Add ausschalten, die Kontaktliste hat je nach Gerät Platz für 160 bis 350 Einträge, und die sind schnell voll mit Nodes, die dich nicht interessieren.
Nachrichten kurz
Eine Nachricht darf 160 Byte lang sein, mit Umlauten bleiben etwa 113 bis 121 Zeichen. Kurze Nachrichten kommen zuverlässiger an als lange, weil jedes Paket Airtime kostet und mit jeder Kollision verloren geht. Schreib, was zählt: Wer, wo, was, was wird gebraucht. Nicht mehr.
Notfunk-Etikette
- Keine Ping-Bots, keine Test-Nachrichten, keine automatischen Abfragen. Im Norden bestanden zeitweise 50 bis 80 % des Traffics aus #ping, #pong und #test.
- Antworte nur, wenn du etwas beizutragen hast. Jede Wiederholung belastet das Netz.
- Der Room Server als Bulletin Board: Mit
set allow.read.only onkönnen alle mitlesen, nur Berechtigte schreiben. Speicher: 32 Nachrichten. - Repeater-Standorte vorher absprechen. Ein Repeater ohne Absprache am Feuerwehrhaus hat schon eine Polizeisuche und Reputationsschaden ausgelöst.
Zusammenarbeit mit Amateurfunk und Hilfsorganisationen
MeshCore braucht keine Lizenz. Das ist die Stärke, und es ist die Grenze: Über den Landkreis hinaus tragen Funkamateure mit ihren Relais und MeshCom weiter. Die DARC-Vorträge im September 2025 und Januar 2026 hatten 160 und über 300 Teilnehmer, seit Juni 2026 gibt es mit funkmesh.de einen Verein. Wer Notfunk ernst meint, sucht den Kontakt zum örtlichen DARC-Ortsverband und zu Feuerwehr, THW oder DLRG, bevor etwas passiert. Danach ist es zu spät, sich vorzustellen.
Wichtig bei der Abgrenzung: PMR446 und Freenet dürfen laut BNetzA-Klarstellung vom November 2025 nicht vernetzt werden. MeshCore auf 868 MHz mit 500 mW ERP und 10 % Duty Cycle ist davon nicht betroffen.
Fragen?
Fragen, Erfahrungen aus eigenen Stromausfällen oder eine geplante Übung: Komm in die Telegram-Gruppe t.me/meshcorede.